26.1.2026 – Das Jahr 2026 ist ein XXL-Sportjahr und ein Großereignis jagt das nächste:
Aktuell läuft die Handball-EM in Dänemark, Schweden und Norwegen und parallel die Australian Open in Down Under. Im Februar stehen dann die Olympischen Winterspiele (6.2.-22.2.2026) in Milano Cortina auf dem Programm und im Sommer wartet dann die Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko.
Wieder geht es also um wichtige Titel, Medaillen, Rekorde und sportliche Erfolge. Für viele der Spitzenathleten ist Neuroathletik mittlerweile eine wichtige Facette im Profisport, so wichtig, dass wir beim Experten nachfragen wollen.
Wie viel Potential bietet Neuroathletik und kann die Leistung dadurch signifikant und nachweisbar gesteigert werden?
„Im Bereich Neuroathletik steckt noch jede Menge Potential und grundsätzlich sind die Erfolge nachweisbar. In einigen Bereichen sind wir aber auf subjektive Einschätzungen der Athleten angewiesen, die an das limbische System und an das Beurteilungssystem gekoppelt sind. Grundsätzlich ist das Nervensystem das am schnellsten operierende System des Organismus und es zeigen sich daher auch schnell Veränderungen. Der Übertrag in die Nachhaltigkeit hängt dann von vielen Komponenten ab und kann meist nicht mit einem klaren Zeitraum umgrenzt werden. Im Allgemeinen geht es jedoch deutlich schneller als man glaubt.“
Neuroathletik hat sich mittlerweile zu einem echten Trend im Spitzensport entwickelt. Welchen Anteil haben Sie als Pionier und Experte an dieser Entwicklung?
„Neuroathletik hat sich mittlerweile tatsächlich im Spitzensport etabliert, es wird immer mehr kommuniziert, es wird immer stärker integriert. Welchen Anteil meine Arbeit und meine Person daran haben, kann ich nicht genau einschätzen. Aber ich weiß, welchen Anteil die Athleten, die ich betreue daran haben, denn durch sie ist das Thema erst medial richtig stark aufgekommen. Und im Spitzensport ist natürlich die Mundpropaganda sehr stark, weil sich Athleten unter einander sehr stark austauschen, über Erfolge und Fortschritte in ihren jeweiligen Sportarten. Insofern würde ich hier gar nicht so sehr meine Pionierarbeit in den Mittelpunkt stellen, sondern eher die Rolle der Athleten, die den Erfolgsweg begründen.“
Was schätzen Sie, wieviel Prozent der Top-Sportler setzt auf Neuroathletik? Reden wir bspw. über ein Drittel oder nur über einen kleinen Bruchteil der Gesamtheit?
„Wir bewegen uns hier sicherlich noch in einem sehr überschaubaren Bereich, von schätzungsweise vielleicht 5-6 Prozent, die Neuroathletik zu einem festen Bestandteil ihres Trainings- und Wettkampfablaufes gemacht haben. Aber der Anteil wird stetig größer und wenn dann auch ganze Clubs, Vereine oder sogar Verbände Neuroathletik zu einer festen Säule machen, wächst der Anteil natürlich gleich signifikant sehr dynamisch. Aktuell gibt es auch noch viel zu wenige gut ausgebildete Trainer. Aber es wird mehr und es wird noch etwas Zeit brauchen.“
Beim letzten großen Erfolg im Männer-Fußball, beim WM-Sieg des DFB-Teams 2014 in Brasilien waren Sie als Neuroathletik-Experte mit dabei und gehörten im legendären Campo Bahia mit zum großen Team rund um die Mannschaft. Welche Rolle kann Neuroathletik innerhalb eines Turniers oder unmittelbar vor den sportlichen Entscheidungen spielen?
„Das ist eine sehr spannende Frage, denn hier spielt Neuroathletik auf verschiedenen Ebenen tatsächlich eine ganz entscheidende Rolle. Da ist zum einen natürlich der Performance-Aspekt, wo wir bspw. unmittelbar vor dem Spiel das Nervensystem triggern und hochfahren können und durch Durchblutung der wichtigen Bewegungssteuernden neuronalen Bereiche, um energetischer in die Bewegung zu kommen. Also nicht nur körperliches Warm-Up, sondern sozusagen auch neuronales Warm-Up. Und dann fast noch wichtiger der regenerative Bereich, in dem Neuroathletik eingesetzt wird. Denn wir dürfen nicht vergessen, die Turniere sind eigentlich immer am Ende einer Saison und wir reden dann über eine bereits sehr hohe Belastungssituation bei den Spielern. Wir haben es also mit bereits überlasteten Strukturen, überlasteten zentralen Nervensystemen zu tun. Die Spieler kommen meistens aus starker Überbeanspruchung und spielen dann im Anschluss die wichtigen Turniere, Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, Olympia etc. Die Spieler haben häufig noch in vielen Wettbewerben, Pokal, Champions League, Meisterschaft agiert und waren einer extrem hohen Belastung ausgesetzt. Unmittelbar vor den Turnieren und auch während der Turniere haben wir in der Neuroathletik dann verschiedene Möglichkeiten, wie Neuroathletik eingesetzt werden und dann wirken kann. D.h. wir haben einmal den präventiven Charakter und dann den regenerativen Charakter und genau diesen setze ich dann am stärksten ein, um den vorhandenen Ermüdungsprozessen innerhalb des Nervensystems und Steuerungssysteme entgegenzuwirken. Was uns hier immer hilft, ist der Fakt, dass das Nervensystem das am schnellsten operierende System ist. Selbst wenn innerhalb eines Turnieres noch ein Problem auftritt, bspw. eine Bewegungseinschränkung, bedingt durch eine Verspannung, haben wir durch die Implementierung neurozentrierter Übungen die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit den Ärzten und den Physiotherapeuten das Problem sehr schnell abzustellen, so dass ein Spieler dann bei einem entscheidenden Spiel doch noch auflaufen kann.“
Gehen wir einmal weg vom Profi-Bereich: Würden Sie auch ambitionierten Freizeitsportlern Neuroathletik oder neurozentrierte Übungen ans Herz legen, die in die regelmäßige Routine bei der Vorbereitung miteinfließen?
„Klar Neuroathletik wurde durch den Spitzensport und durch Spitzenathleten bekannt, aber eigentlich gehört es dorthin, wo die Bewegungssteuernden Systeme schlechter sind. Spitzensportler haben meisten sehr guten Bewegungssteuernde Systeme, sonst wären sie nicht dort, wo sie sind. Bei der Arbeit mit ihnen geht meistens nur um Optimierung und die letzten paar Prozent. Sehr viel mehr Potential und quasi ‚Luft nach oben‘ bietet sich natürlich im Amateur- oder Freizeitsportbereich und hier auch in alle Altersklassen. Hierfür brauchen wir Flächendeckend gute Trainer und gute Konzepte. Wenn man mich fragt, ob es sich auch im Amateur- oder Freizeitsportbereich lohnen würde, Neuroathletik einzusetzen und seine Sinne, seine Bewegung und sein Gehirn zu trainieren. Aber absolut: 100 Prozent ja. Man muss nur schauen, wie man es umgesetzt bekommt.“
Sie gelten in der Neuroathletik als Vorreiter. Wie war ihr Weg zur Neuroathletik und wie haben Sie davon erfahren?
„Mein Weg zur Neuroathletik ist spannend. Ich bin Sportwissenschaftler und habe als Trainer schon immer national und international im Sport gearbeitet. Irgendwann kam ich bei der Betreuung eines Kader-Athleten in einer Verletzungsphase bei einem Bewegungssteuernden Problem nicht weiter und auch niemand anderes kam weiter, nichts hat wirklich gegriffen, obwohl wir sehr viel ausprobiert hatten. Dann habe ich mich intensiv auf die Suche gemacht, wie kann ich helfen und bin ich immer tiefer in die Bewegungs- und Gehirnforschung vorgedrungen und kam dann auf Dr. Eric Cobb, der mein Mentor im Bereich Neuroathletik geworden ist. Von ihm habe ich gelernt und habe es auf meinen Anwendungsbereich spezifiziert.“
An wen können sich unsere Leser*innen wenden, wenn Sie selbst mit Neuroathletik starten möchten?
„Ich habe zusammen mit meinem Team ein Ausbildungsinstitut, hier können sich Interessierte gerne melden.“
Alle Informationen gibt es unter: https://nat-institute.com
Das Interview führte: Sebastian Meyer-Detring

